Donauwellen auf Pizzateig: Opel Sintra – Der dümmste Opel von allen?

Ich bin ja nun im Bereich Opel vielleicht nicht vollkommen objektiv, denn ich hatte am Ende des Tages schon um die 50 Stück – und so etwas hat ja normalerweise einen Grund.

Der Opel Sintra hingegen konnte mein Herz nie erobern – und das schon an Tag 1. Ich war erneut im IAA Team, um den Opel zu launchen, wenn auch mittlerweile in einer vollkommen anderen Rolle – diesmal hatte ich hier schon was zu melden. Damit einher  ging aber auch die weit vorgelagerte Händler Präsentation von Ort – und auch die bei diversen großen Fuhrparks – ein Thema, das in der zweiten Hälfte der 90er Jahre entschieden an Bedeutung gewann. Und die Präsentationen waren – in Teilen zumindest – ein Desaster.

Der Opel Sintra, das muss man wissen, war ein Ergebnis dessen, was man Badge-Engineering nennt – also der Entwicklung eines Autos durch Aufkleben eines anderen Markensymbols (Badge). Und das amerikanische Vorbild, der Chevrolet Venture / Pontiac Trans Sport, war einerseits für andere Strassen gebaut worden, was man in der Entwicklungsphase des Badgings ganz gut in den Griff bekommen hatte. Er war aber auch auf andere Ausstattungsdetails ausgelegt, wie etwa graduell anders gestaltete Sitze, die vor allem aber mit elektrischer Verstellung daherkamen – ein Feature, das der Opel Sintra hingegen nicht zu bieten hatte. Statt desse drehte man an Rädern, um die Lehne entsprechen zurecht zu stellen. Nur: Dafür brauchte man entschieden mehr Platz für die Hand – Platz, der natürlich nicht mit konstruiert worden war. Wer die Sitze richtig einstellen wollte, muss im Grunde die Tür öffnen….

Der Innenraum des Sintra war irgendwo zwischen Barock und pseudomodern. So recht passen mag das aus heutiger Sicht nicht - aber das Design hat ja auch 20 Jahre auf dem Buckel

Der Innenraum des Sintra war irgendwo zwischen Barock und pseudomodern. So recht passen mag das aus heutiger Sicht nicht – aber das Design hat ja auch 20 Jahre auf dem Buckel

Und das fiel natürlich vor allem den Fuhrparkmanagern auf… 🙁 Die Lehnenverstellung wanderte nach innen – aber es gibt eben keine zweite Chance für den ersten Eindruck.

Kein wirklicher Spaß, um ehrlich zu sein. Und auch bei den Fahrversuchen kam der Sintra nicht wirklich gut weg. Obwohl Opel hier wirklich viel getan hatte, fuhr der Wagen sich bei weiten schlechter als der Kern-Gegner VW Sharan (Ford Galaxy / Seat Alhambra). Hier war wieder einmal der Effekt eingetreten, der immer dann eintrat, wenn GM zu weit an die Front des Deutschen Marktes kam – das funktioniert praktisch nie – nehmen wir mal Kapitän/Admiral/Diplomat aus, die aber auch nur so lange für den Markt funktionierten, bis man auf die Spritrechnung blickte, die realistisch auch mal doppelt so hoch ausfiel wie bei relevanten Konkurrenzfahrzeugen.

Wirklich gute und gepflegte Exemplare des Opel Sintra gibt es heute praktisch nicht mehr. Die meisten finden sich auf geschotterten Hinterhöfen.

Wirklich gute und gepflegte Exemplare des Opel Sintra gibt es heute praktisch nicht mehr. Die meisten finden sich auf geschotterten Hinterhöfen. Eigentlich traurig, da der Wagen zumindest diverse Qualitäten hatte, die den Mitbewerbern fehlten.

Opel Sintra – made in the US, adapted in Germany: Wo ist der Diesel?

Hier stellte sich leider auch eines der größten Probleme des Opel Sintra auf: Der Sintra kam ohne Diesel auf den Deutschen Markt, während VW hier die TDIs mit 90 bis 110 PS anbot, die schnell mal die Hälfte oder weniger verbrauchten. Schon das machte den Sintra praktisch marktunfähig – obwohl die gebotenen Motoren nicht einmal schlecht waren – die Motoren, mit denen der Pontiac Transport über den Teich kamen, soffen ganz entschieden mehr – Opel hatte also das beste gegeben, aber die grundlegende Aufgabe war so, wie Donauwellen auf Pizzateig herzustellen – da kannst Du nicht gewinnen. Das ist eine lange Tradition bei Opel: Fehler aus Detroit ausbügeln, so gut es geht und dann eben doch für diese bluten müssen…

Am Ende sind es immer wieder Bilder wie dieses, die den Leuten im Kopf bleiben. Und das wäre, wie so vieles in der Opel-GM-Beziehungsgeschichte, mal wieder vermeidbar gewesen

Am Ende sind es immer wieder Bilder wie dieses, die den Leuten im Kopf bleiben. Und das wäre, wie so vieles in der Opel-GM-Beziehungsgeschichte, mal wieder vermeidbar gewesen

Später stellte sich in diesem Kontext beispielsweise auch heraus, dass die Crash-Eigenschaften des Opel Sintra auch nicht gerade dem entsprachen, was sich der gemeine Europäer so vorstellte. Vor allem im Beinbereich war der Sintra eine Katastrophe, im Nackenbereich extrem kritisch. So konnte man nicht bestehen auf einem der kompliziertesten und anspruchsvollsten Märkte der Welt

Der Sintra hatte ja auch ein paar positive Seiten – bot beispielsweise konkurrenzlos mehr Laderaum als der Sharan – auf sehr vergleichbarer Grundfläche, da sein Vorderwagen substanziell kürzer war. GM hatte bereits deutlich mehr Konstruktionserfahrung mit einbringen können, die sie mit dem Lumina gesammelt hatten, dessen Projektstart 1983 war – und VW gab sich Mühe, Gleichteilestrategien mit dem Passat zu fahren, was nicht gutgehen konnte, wie etwa die chronisch unterdimensionierte Lüftung des Sharan zeigte. Die Schiebetüren des Wagens sind den normalen Türen eines VW Sharan vollkommen überlegen – jeder, der Kinder hat, weiss das. Tatsächlich bekam der Wagen dafür in UK als Vauxhall Sintra einen dicken Bonus, da die Wahrscheinlichkeit, dass jemand die Tür gegen ein anderes Fahrzeug rammt, gleich Null ist. In all diesen Themen war der Opel Sintra tatsächlich das bessere Auto, was ihn jedoch nicht wirklich retten konnte.

Er war ein Notnagel und in Summe kein ausreichend guter.

So waren bei Opel zurecht alle froh, als schließlich 1999 der Zafira kam – und mit ihnen diverse Deutsche Familien, die den Wagen begeistert kauften – bis der Touran erschien – aber auch das ist ja ein Muster… Der Opel Sintra ist radikal schnell verschwunden, obwohl seine mechanischen Qualitäten nicht die schlechtesten waren. Aber es hatte wohl irgendwie niemand so recht Lust, den Wagen zu erhalten.


6 Gedanken zu „Donauwellen auf Pizzateig: Opel Sintra – Der dümmste Opel von allen?

  1. Insignia Badge Engineering?
    Da war wohl Sintra gemeint?

    [..]Der Opel Insignia, das muss man wissen, war ein Ergebnis dessen, was man Badge-Engineering nennt [..]

  2. Der Sintra war ein super Auto, IMHO viel besser als der Zafira. Der Sintra hat halt wirklich Platz… Fast auf dem Level eines VW-Busses. Hatte oft meine Yamaha R6 drin und bin damit über 300tkm quer durch Europa zu verschiedenen Rennstrecken gefahren… Klar war der Ammi-like aber das gefiel mir immer gut. Klar der Diesel fehlte, aber ansonsten fehlte mir nix. Wie gesagt Zafira ist zu klein, der Vivaro zu sehr Renault-Transporter. Heute hab halt nen Hyundai H1… Wie so oft bei Opel, gute Modelle nicht sinnvoll weiterentwickelt, lieber eingestampft…

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