Der erste eigene Opel

Als ich 18 wurde, gab es keine ernsthafte Frage nach der Marke meines ersten Wagens.

Mein Vater fuhr Opel, Opa fuhr Opel, meine ältere Schwester einen Polo, mit dem sie ständig Ärger hatte, mein älterer Bruder, Jahrgang 1967, fuhr 1989 schon einen relativ übertriebenen Commodore B 2.8 GSE, war aber auch Mechaniker bei Opel. Ich hingegen war Schüler – da spielte Wirtschaftlichkeit eine Rolle. Die Anschaffungspreise für die richtig krassen Commodore oder gar Diplomat waren 1989 vollständig im Keller – daran wäre es nicht unbedingt gescheitert – aber irgendwer musste das Ding ja auch voll tanken – und ich hatte ein schmales Schüler-Budget, bestehend aus ein bisserl Zeitung austragen und ein paar Stunden an der Aral am Ortsausgang (mit denen man zugegebenermaßen kein schlechtes Geld verdiente). Aber klar – ein Commodore Budget war das nicht.

Opel Kadett B

Li-mou-si-ne, oder? Das ist einfach cooler gewesen als so ein Kompakt-Dings. Da kommst Du dir einfach vor wie Papa 🙂

Mein Vater kam eines Tages mit einem Kadett D um die Ecke. Baujahr 1980, ziemlich gepflegt, 4Türer – aber mit Automatik, was einem 18jährigen daals traditionell nicht viel sagte. Die Vorbesitzerin war Jahrgang 1911(!) und hatte ihren Führerschein erst gemacht, als ich schon in der vierten Klasse war. Believe it or not: Der Kadett war ihr erstes Auto! Und nun sollte er meiner werden…

Es fiel mir schwer, aber es war nicht meine Welt. Ich wollte etwas mit mehr Stil und mehr Charakter – aber es durfte eben nicht teurer sein… Eine Abends, kurz vor meinem 18. Geburtstag, fuhren wir an einem Kadett B vorbei, der auf einer Landstraße, wie man sie nur im Sauerland findet, an der Strasse stand, an einem der 3 Häuser, die sich eines dieser grünen Ortsschilder verdient hatten. Ich nahm den Wagen wirklich nur aus dem Augenwinkel wahr, aber am nächsten Morgen schnappte ich mir noch vor dem Frühstück meine 80er und fuhr die Strecke der vorausgegangenen Nacht zurück und blieb am Kadett B stehen.

Kadett B

Da fingen sie an, meine Schrauberjahre. Man kann sich heute kaum noch vorstellen, wie wenig damals in so einem Motorraum war. Man hätte bequem noch 2 Sitzplätze unterbringen können neben den 4 Zylindern

Kaminrot, Zweitürig. 1,2 Liter, 60PS – und das beste an dem Wagen: das Preisschild: Mit 21 Monaten Tüv sollte der wagen für 999DM den Besitzer wechseln. Nachdem ich den Kadett B von allen Seiten inspiziert hatte und gerade dabei war, von hinten drunter zu sehen, stand plötzlich ein älterer Mann neben mir. Mit einem Hut und einem Gehstock. Diese Art Leite sind auch irgendwann ausgestorben.

„Wollen Sie den kaufen, junger Mann?“drecksblatt

„Ich äh… ja – vielleicht – ist das Ihrer?“

„Das ist meiner seit 1974, ja.“  …und da war er auch schon nicht ganz der Jüngste gewesen, wie mir schien.
Tatsächlich stellte sich heraus, dass er den Wagen wirklich kurz nach dem Urknall erworben und behalten hatte. In der Zeit war er 140.000 Kilometer gefahren – das galt damals als nicht so wenig bei einem Auto dieser Größe. Ich sah mich das schon meinem Vater erklären, der Autos mit über 100.000 Kilometern pauschal verdächtig fand – vielleicht, weil das mal in der ADAC Motorwelt stand oder so.

Verdammtes Pest-Blatt.

Opel Kadett B

Unfassbar simpel, wenn man so zurückblickt. Manchmal frage ich mich, warum das nicht eigentlich ein wenig so weitergehen konnte. Heutige Cockpits sind ohne Anleitung kaum noch zu erfassen

Ich hatte mich längst in den Opel Kadett B verliebt. Ein Kumpel von mir fuhr den auch und ich fand den immer schon gehoben cool. Er war noch eine echte Limousine, hatte dieses gehobene. Neben ihm wirkte der C-Kadett klein und der D Kadett wie ein Golf – und das ging gar nicht.

Ich wollte ihn haben. Punkt.

…und ich bekam ihn auch. Tatsächlich mäkelte mein Vater (zurecht) noch ein wenig an den Reifen herum – und am Ende wurden wir uns für 850 Mark einig. Mein erstes Auto war gekauft – und es war ein Opel.

Zugegeben – der wirtschaftliche Aspekt des Autos überwog den klassischen Fahrspass-Aspekt bei diesem Wagen ein wenig – aber 60PS sind bei einem solchen Wagen nicht so wenig gewesen, Kinder. Und hinzu kam: Die Mädels fanden den cooler, das war kein Klischee. Mein Auto hatte etwas herzliches, zeigte Individualität, war kein Stromlinienauto und erforderte ein wenig Liebe, wenn man den Rückwärtsgang einlegte und solche Dinge. Jemand, der ein solches Auto fuhr und es hegte – das musste einfach ein lieber Kerl sein. Und ein Hingucker war er auch. Die Schrägschulterfelgen bekam ich von einem Ascona A – für 40 Mark auf dem Schrottplatz. Da kamen die neuen Reifen drauf, die mein Dad ausgehandelt hatte. Weil der Wagen so billig war, hatte mein Vater mir 500 Mark gegeben – schließlich hätte der Kadett D gute 3000 gekostet – da war also noch Luft gewesen. Davon konnte man auch auf meinem Budget eine Zeit lang fahren.

Die Kadettenpalette - was für ein Sortiment

Die Kadettenpalette – was für ein Sortiment

Und da kam noch Stolz hinzu: Ich hatte ein cooleres Auto als die ganzen Typen, die einfach einen Golf 2 fuhren, der sicherlich das untere Ende der Langeweile-Skala markierte. Und nicht nur das: So ein Wagen, der so alt ist wie Du selbst, der macht Dich irgendwie dankbarer. Dem verzeihst Du schwächen und der ist Dein Kumpel, wenn er Dich zum Ziel bringt. Und wenn der ein wenig warm wird, dann fähsrt Du etwas langsamer und kuppelst bergab mal aus und lässt dich rollen, damit er wieder ein wenig zu Kräften kommt.

Wir hatten eine tolle Beziehung, der Kadett B und ich. Bis zu diesem Herbsttag, an dem meine Mutter sich den Wagen leihen musste, weil ihrer bei Nässe manchmal nicht ansprang…. Die gute Nachricht: Sie traf keine Schuld – im Gegenteil. Ein Bierkutscher nahm ihr mit knapp 2 Promille die Vorfahrt. Meine Mutter wurde mit 4 Stichen genäht, der Kadett B landete unwürdig auf dem Schrottplatz, wo ich ihn noch selbst ausschlachten durfte, bevor sie ihn pressten. Eigentlich wollte ich die ganzen brauchbaren Teile nur mitnehmen, um die in der Oldtimer Markt zu verkaufen – aber es sollte ganz anders kommen….



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