„Ein Wunder, dass die uns nicht das Licht ausgeknipst haben“

Franz kam 1973 zu Opel, ist uns aus sehr lustigen Zeiten noch bestens als Opelaner-Original bekannt und soll hier einmal ungefiltert zu Wort kommen.

Wenn Du 1973 bei Opel angefangen hast, dann waren 2 Dinge prägend: Die Leute hatten einen gewissen Respekt vor dir – Opel, das war eine Marke. Und: Dein Job galt als so sicher wie sonst nur der bei Banken oder Versicherungen – und in der Region vielleicht sonst noch bei Hoechst.

Wie sich die Zeiten geändert haben – nicht nur bei Opel.

Opel Rekord B

Mein Gott – das war ein Traum – und ich gönnte ihn mir sehr früh, als meine Kollegen lieber neue C-Kadetten fuhren. Ein elegantes Langstreckenauto, das sehr gut zeigte, wie weit Opel tatsächlich bereits in den 60ern gewesen war. Der Rekord verkaufte sich jahrelang wie geschnitten Brot – und wir verspielten das.

1973 verkaufte Opel mit einem Marktanteil von rund 21% mehr Autos als die Wolfsburger – und das sollte damals schon was heißen. Insgeheim amüsierten wir uns über VW mit ihren Käfern – das war eine echte Lachnummer. Wir konnten damals schon viel mehr – und allem voran: Wir hatten einen Achtzylinder im Programm, so ein richtiges Oberklasseding! Mercedes baute nix größeres als einen 3,5 Liter – wir hatten einen 5,4er – und der fuhr über 200 KM/H! Damals dachten viele Leute noch, dass einem bei solchen Geschwindigkeiten das Hirn weich wurde oder so…

stolz

Da konntest Du zurecht stolz sein

Opel war oben – dass Opel mal ein Image-Problem bekommen könnte, war für mich als jungen Kerl nicht vorstellbar. Und ich kam nicht einmal aus der Region, sondern war für die Anstellung bei Opel gut 200KM weit von Zuhause weg gezogen. Ich lebte zur Untermiete in Wallau. Die Wohnung hatte ich durch die bloße Erwähnung meines Arbeitgebers ohne weitere Prüfungen bekommen – damals nicht üblich. Ich begriff erst später, dass praktisch der ganze Ort damals schon bei Opel arbeitete, was auch die zahlreichen Neubau-Aktivitäten erklärte, denen meine eigene später folgen sollte.

Ich hatte mit einem Kredit der Bank ein unfassbares Auto erworben: Den 1965er 6 Zylinder-Rekord, praktisch der Vorgänger des späteren Commodore. Der war mit seinen gut 170 KM/H Höchstgeschwindigkeit und dem seidig laufenden Motor auch Anfang der 70er Jahre noch ein ziemliches Maß. Opel baute Anfang der 70er deutlich schlechter motorisierte Wagen in dieser Klasse. Aber: Opel baute eben Autos in dieser Klasse – und darüber – und auch darüber noch….

Keine 10 Jahre später sollte Opel erstmals am Boden liegen.

Was war geschehen? In den 70er Jahren passierte zunächst einmal etwas, was im Grunde schleichend verlief und auch von der Presse gar nicht mal so sehr wahrgenommen wurde: Opel wurde teurer – und zwar erheblich. Ausstattungsbereinigt wurden beim Rekord D in einem Jahr die Preise einmal in zwei Schritten um unfassbare 14% erhöht, was nicht zu verantworten war.

Der kleinste Cadillac war ein JCAR - genauso wie unser Ascona C - er fuhr sich tendeziell angemessener durch starke Servo-Unterstützung. Sein Konstruktionsprinzip versaute uns die Mittelklasse in Europa

Der kleinste Cadillac war ein JCAR – genauso wie unser Ascona C – er fuhr sich tendeziell angemessener durch starke Servo-Unterstützung. Sein Konstruktionsprinzip versaute uns die Mittelklasse in Europa

Gleichzeitig passierten in den 70er Jahren viele Dinge, die mit der Abhängigkeit von General Motors zu tun hatten und uns in den Abgrund befördern sollten.

Die Entwicklung des Ascona C war einer der schlimmsten Meilensteine und führte Veränderungen ein, die man von Außen zunächst nicht sah. Der Ascona C war praktisch ein komplettes J-Car von General Motors – nach dem C-Kadett das zweite Auto, das für den Weltmarkt konzipiert wurde – hier jedoch auch billiger, zentraler und liebloser in den USA entwickelt wurde. Wir Ingenieure mussten plötzlich mit zeitversetzt agierenden Amerikanern sprechen, die wir praktisch nie recht verstehen konnten mit unserem leidlichen Englisch. Lächerlich, aber wahr: teilweise „liehen“ wir uns Fremdsprachenkorrespondentinnen aus anderen Übersee-Abteilungen. Eine von denen sollte später meine Frau werden. Die jungen Mädchen waren nett, sprachen Englisch, verstanden aber die Fachbegriffe nicht. Am Ende vereinfachst Du und visualisierst – und verlierst die Hälfte der wichtigen Informationen auf diesem Weg.

Der Ascona C war aus Sicht von mir und meinen Kollegen, die viel dichter dran waren (Ich hatte in der Zeit am Senator A gearbeitet) ein Desaster.

Wir hatten praktisch keinen Grund, auf den Wagen irgendwie stolz zu sein

Wir hatten keinen rechten Grund, auf den Wagen stolz zu sein – Die J-Platform war grundlegend die richtige Idee, im Detail aber zu kompromissbelastet entwickelt worden. Der Ascona C war kein Auto, das in ausreichender Menge Tests gwinnen konnte – dabei wäre das dringend notwendig gewesen

Anfang vom Ende

Und so gingen die 80er weiter: Der Ascona C war das uninspirierteste Auto, das wir bis dahin gebaut hatten. Er konnte nichts ausreichend gut und schon gar nicht besser als Sierra und Passat – und er fuhr sich langweilig. Die Lenkung war ziemlicher Mist, das Fahrwerk nicht bis zuende durchkonstruiert. Das einzige Auto, das noch schlimmer werden sollte, war der Nachfolger. Kritisch: Auf diese Weise verloren wir die Kernkäuferschicht von Opel: Die Mittelklasse-Käufer, die jetzt lieber Passat oder Sierra fuhren und auch mal BMW. Wir konnten dieser Zielgruppe nicht einmal mehr den Caravan bieten, den wir nur eine Klasse darüber und eine Klasse darunter hatten, nicht jedoch dort, wo er gebraucht wurde – und das, obwohl die Plattform das sehr wohl hergab.

Den Rekord E hätten wir nie als E2 herausbringen dürfen – das war der Anfang vom Ende. Wir hatten dem Rekord der Mercedes Mittelklasse an vielel Stellen hinterherkonstruiert – und 1976 brachte Mercedes mit dem W123 einen so klaren Gegner, das wir ihn zum Teil noch in einer späten Phase lieblos und hektisch in den Rekord E hineinkopierten. Wir hätten 2 Jahre warten sollen und es richtig machen – statt dessen ließen wir den Wagen 9 Jahre laufen – und machten ihn noch hässlicher, wie uns die Kunden sehr klar zurückspielten… Unser Marktanteil sank kontinuierlich durch die 80er. Erst rettete uns der Kadett noch ein wenig, dann der Corsa A – und dann kamen keine richtigen Retter mehr – mit Ausnahme der Wende: Die ehemalige DDR tat uns für einen Moment gut. Aber das reichte nicht.

Der Rekord war ein gutes Auto, aber wir versäumten in der Hektik, ihn viel besser zu machen und ließen ihn dann zu lange auf dem Markt. Die Taxifahrer lehnten ihn ab, weil die Diesel nichts taugten - und er verschwand aus den Firmen-Fuhrparks

Der Rekord war ein gutes Auto, aber wir versäumten in der Hektik, ihn viel besser zu machen und ließen ihn dann zu lange auf dem Markt. Die Taxifahrer lehnten ihn ab, weil die Diesel nichts taugten – und er verschwand aus den Firmen-Fuhrparks

1999 fiel unser Marktanteil erstmal unter 15%, 2001 lag er unter 12%, von 2002 bis 2005 stagnierte er bei 10, um dann final auch noch unter diese magische Hürde zu fallen. Ab Ende der 90er war mit Skoda ein ernstzunehmender Gegner entstanden, der uns das Leben deutlich erschwerte, die sportorientierten Fahrer verließen Opel zurecht in Richtung BMW und Audi und auch SEAT.

Bei 10 Prozent ist Schluß!

Es gab ein altes Gerücht, dass sich hartnäckig hielt: Würde der Marktanteil von Opel unter 10% fallen, würde uns die GM ausknipsen und durch eine Billigmarke ersetzen – daran hatten sie bereits diverse idiotische Male gearbeitet, wie uns schien. Daewoo war unverständlich, der spätere Launch von Chevrolet Europa war unverantwortlich und kostete uns Kraft. 2005 war es dann schließlich soweit – und tatsächlich hingen ab 2006 ständig die Leute von GM Europe aus der Schweiz bei uns herum, aber es geschah nichts.

Bochum im Ground Zero Stil... Bringt uns keiner mehr wieder - dennoch kein Grund, warum es nicht voran gehen sollte

Bochum bringt uns keiner mehr wieder

bis 2012 sackte der Marktanteil auf historische 6,9% und war in der Zeit nur einmal kurz durch die Abwrackprämie nach oben gegangen.

Opel war eine Lachnummer in vielen Gesellschafts-Schichten geworden. Firmenfuhrparks enthielten nur noch BMW, Mercedes Audi und Volkswagen, der Marktanteil der Volkswagen-Marken lag jetzt 6 Mal so hoch wie der von Opel…

Ich näherte mich dem Rentenalter und konnte etwas ruhiger auf die Sache schauen, musste mich aber in Teilen noch an der Schließung von Bochum beteiligen.

Was in der Zeit passierte füllt schlechte Bücher und Dissertationen… Was mich heute ärgert, ist die Tatsache, dass der Blick sich da in einer zu simplen Weise Richtung USA richtet – das ist in vielen Dimensionen richtig, die haben uns kaputt gemacht. Aber man muss auch ganz klar sagen: Wir Opelander haben uns das gefallen lassen und wir haben und haben uns auch hin und wieder mal auf den bösen Amis ausgeruht, wenn etwas schief ging, denn viele Probleme – und das waren vor allem die marktpolitischen geprägten Probleme, die haben wir uns auch selbst zuzuschreiben.

Opel Sintra Promo

was wir uns 1:1 von den Amis reinholten, floppte zurecht. Der Sintra gehörte zu den schlimmsten Wagen, die je unser Logo tragen durften

Warum etwa hatte der Opel Ascona C doppelt so viele Motoren wie sein Vorgänger? Warum gab es da einen 75PS Motor mit Normalbenzin und einen mit Superbenzin? Der komplette Unsinn – und das war unser eigener Unsinn, mit dem wir die US-Autos deutscher als deutsch machen wollten – das war dumm und hat uns viel Geld gekostet. Als die Verkaufszahlen zurückgingen, verdienten wir nicht nur insgesamt weniger – wir verdienten auch pro Auto weniger, also erhöhten wir die Preise, als hätte niemand von uns mal in ein Wirtschaftsbuch geschaut…

Opel ist erst heute wieder auf einem guten Weg – und das hat nicht nur lange gedauert, sonder viel zu lange – und wäre an ganz vielen Punkten vermeidbar gewesen.

Im Rückblick ist es mir immer noch ein Rätsel, dass man uns nicht den Saft abgedreht hat und uns durch irgendeinen Daewoo dieser Erde ersetzt oder einfach deren Autos mit dem Blitz vorne drauf versehen hat.

Aber ich bin verdammt froh drum.




8 Gedanken zu „„Ein Wunder, dass die uns nicht das Licht ausgeknipst haben“

  1. Opel war insgesamt in den 80ern noch gut. Aber in den 90er kam leider ein Herrn Lopez…….der hat durch seine „Sparmaßnahmen“ das Image immer und immer schlechter gemacht. Und man muss bedenken das Opel zu unrecht kaputt geredet wurde. Ich sag nur Auto BILD. GM hat leider auch einen hohen Beitrag geleistet für den Marktanteil. Opel durfte ja nicht überall im Ausland verkaufen. Insgesamt musste ein Sündenbock her….und dafür wurde leider OPEL genommen. Aber Opel wird langsam aber sicher besser 🙂

  2. Ein schöner Artikel der gut beschreibt dass die Fehler nicht wie so oft behauptet in den 80er jahren gemacht wurden. Das fing viel früher an!
    Ich habe zur Zeit einen Manta-A 1900 und einen Astra J GTC von Opel in der Garage.
    Die schlechte Preispolitik beim Rekord D mag stimmen, es war aber ein klasse Wagen. Mein 2 Liter Sprint war praktisch unzerstörbar. Manchmal trauere ich ihm nach!

  3. Ein Dummbabbler und Stuhlkleber vorm Herrn der nur noch bei Opel ist weil andere in den frühen 2000 Jahren die Firma mit ihrem Austritt gerettet haben.Mein Respekt gilt all den Ex Oplern.

  4. Sehr interessanter Bericht eines Insiders.
    Die Problematik um den Ascona C war mir nicht bekannt. Ich hatte seinerzeit auch den Eindruck, dass er sich trotzdem gut verkaufen ließ.
    Ein m.E. wesentlicher Aspekt für den Niedergang wird aber nicht erwähnt: Manta A/B, Ascona A/B und insbesondere der Rekord D waren hübsche Autos. Letzterer wurde von der Fachpresse bei seiner Präsentation zu Recht als Meilenstein des Opel-Designs gefeiert.
    Was anschließend kam, war nur noch sehr durchschnittlich, von Kadett E und Calibra mal abgesehen. Nach dem elegant-zierlichen Rekord D wirkte der E1 plump und unausgewogen.
    Aber jetzt scheint es ja wieder bergauf zu gehen, hoffen wir, dass die Erholung nachhaltig ist!

  5. Ich finde das Ascona C Bashing ist überdurchschnittlich. Ja klar, eine Weltauto muss im Design den kleinsten gemeinsamen Nenner haben. Da bleiben nicht mehr viele Optionen. Passat und Sierra haben seinerzeit auch gezeigt, dass ein Hersteller eben nicht an den Wünschen der Kundschaft vorbei designen kann. Aber die technische Basis hat der Kadett D vorgegeben – Design hin oder her. Dass man da für ein technisch ähnlich gelagertes Fahrzeug ein Klasse höher nicht alles neu erfindet, das liegt m.E. auf der Hand. Schlimmer ist der Sparkurs in der Korrosionsvorsorge. Gerade in den 80ern, gerade, wenn man auf den Golf II oder Audi 80 schaut… Dieses Problem verfolgt einen als Opelfahrer doch über Jahrzehnte. Sei es beim Kauf, oder wenn man im Bekanntenkreis gefragt wird, was man fährt…

  6. Ich hatte Kadett B / C / E (den D finde ich nur hässlich), Ascona A und B, Rekord C / D / E. Alle als Kombis (bis auf die Asconas, der Kombi war beim A ja schon extrem selten). Bis auf den E-Kadett hatten diese Autos den Antrieb da, wo er hingehört: hinten (wenn’s kein Allradler sein soll). Seitdem Opel keine Hecktriebler mehr baut, ist die Marke leider uninteressant geworden.
    Obwohl: wenn meine Alltagsschlampe fällig ist, könnte mir durchaus wieder ein D-Rekord ins Haus kommen. 🙂

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