„Natürlich haben wir Opel damals in Grund und Boden geschrieben“

Okay… Wir sind wirklich froh, dass wir dieses Interview führen durften – und ja: Keine Namen, keine Redaktionen, soviel ist klar und Ehrensache – wir hatten auch so schon ausreichend Schaum vor dem Mund…
Aber dass mal jemand auf uns zukommen würde, der dabei war (und das uns gegenüber beweisen konnte), das ist schon ziemlich whow für uns.
Und wie gesagt: keine Namen, das ist versprochen – also fragt erst gar nicht…

Ich hab das Ganze jetzt lange hinter mir und ich werde mich hier auch nicht reinwaschen wollen oder so, aber das Thema „Opel kaputtschreiben“ – glaubt mal nicht, dass das in Deutschland nur in einer Redaktion so war in den 80ern und 90ern.

Der Omega A war ein stattliches Auto - eines, das den anderen Wagen durchaus gefährlich werden konnte, zumal das Pricing hier sehr konstant und stimmig war.

Der Omega A war ein stattliches Auto – eines, das den anderen Wagen durchaus gefährlich werden konnte, zumal das Pricing hier sehr konstant und stimmig war.

Als ich in der ersten Redaktion von „frei“ zu „Vollzeit“ aufstieg, hatte das ganze Thema schon angefangen, war aber noch nicht so krank und selbstverständlich wie später und in anderen Redaktionen. Zu der Zeit gab es in Deutschland 5 relevante Auto-Redaktionen – ich hab immerhin 3 davon gesehen, also schon eine ganze Masse – und irgend etwas sagt mir, dass es in den anderen wahrscheinlich nicht besser war. Zumal: die Leute wechseln ja im Grunde nur innerhalb dieser Redaktionen – wo also würde da frisches Blut und neue Schreibe herkommen? Das ist mal das Eine – das andere ist, dass auch hier der Fisch vom Kopfe her stinkt – wenn Du den Chefredakteur hast, hast Du die Redaktion, so einfach ist das – da kann in den einzelnen Redaktionen noch so viel diskutiert werden – entscheiden tut immer exakt einer. Und im Normalfall ist der auch Teil der Geschäftsleitung – soviel dazu.

Wie sieht so etwas in der Praxis aus? Wir hatten einen neuen Opel getestet – zu dritt. Wir waren nicht restlos begeistert, aber der Wagen hatte in unseren Bögen auch nicht unbedingt schlecht abgeschnitten. Dann nimmt den der Chefredakteur mit heim und sagt am nächsten Morgen, dass der Wagen ja ein ganz schlimmes Brummen hat, eine Vibration, die bis in den Schalthebel geht auf der Autobahn. Je mehr Du da nachfragst, weil Du ja denkst „Mist, das ist mir entgangen,“ desto kleiner wird das Thema, desto mehr engt es sich ein.

Die "Haptik" wurde plötzlich als wichtiger Trägerstoff der premium-Küge entdeckt - und wir haben alle mit gemacht

Die „Haptik“ wurde plötzlich als wichtiger Trägerstoff der premium-Lüge entdeckt – und wir haben alle mit gemacht

Am Ende ließ es sich tatsächlich nachstellen – unter der Bedingung, dass nur die beiden Vordersitze besetzt waren, der Wagen bergab fuhr und man zwischen 120 und 130 sehr ruckhaft das Gas wegnahm. Also beschließt Du, das ganze im Test nicht zu erwähnen und schickst Deinen Artikel zur finalen Freigabe, Layout und Satz raus. Und wenn Du dann das gedruckte Blatt in der Hand hältst, findest Du 2 Absätze, fein im Artikel verteilt, über die schlimmen Vibrationen des brummigen Vierzylinders, dessen Vibrationen bis in die Schaltung reichen.

Nicht gelogen, klar.

Opel-Mobbing hart an der Grenze

Und für Opel kam es auch noch anders in der Zeit. Es gibt das ungeschriebene Gesetz, Wagen am Ende des Modellzyklus´nicht mehr am Test teilnehmen zu lassen – es ist einfach unfair, weil die neueren Fahrzeuge natürlich in gewisser Weise besser sind.Und dennoch musste der Opel Rekord immer noch ran, obwohl er am Ende seiner Laufzeit war. Dann hast Du ihn getestet gegen den W124, gegen den Audi 100, den neuen Scorpio – was sollte denn da raus kommen? Natürlich hat der Opel verloren. Später gegen den BMW E34, der ein echter Meilenstein war, war dann auch der Omega hilflos – aber das war zumindest fair gemessen.

Und so ging das damals immer. Und hier mal ganz klar: Die „objektiven“ Journalisten, vor allem die Anfang 30, fanden das saukomisch. Die freuten sich drauf, wenn ein Opel in die Redaktion kam, den sie kaputt testen konnten. Das war tatsächlich der Grund, warum ich meine erste Redaktion damals verließ.

…um zu erfahren, dass es woanders nicht besser war – im Gegenteil.

Vectra A und B wurden nur so abserviert. Die waren an einigen Stellen vielleicht langweilig, aber das ist ja kein Verbrechen

Vectra A und B wurden nur so abserviert. Die waren an einigen Stellen vielleicht langweilig, aber das ist ja kein Verbrechen

Ich spezialisierte mich mehr auf Gebrauchtwagen, wo mir aber schließlich bezüglich Opel sicherlich der abgefahrenste Vorfall drohen sollte. Wir recherchierten vernünftig und tatsächlich hatten viele Opel dieser Zeit nicht nur Probleme mit dem Wasser-basierten Lack, sondern auch mit den Türdichtungen – an denen begann es zu rosten – aber oftmals auf dem Niveau von Flugrost. Das dokumentierten wir, was ja völlig okay ist. In einem Gebrauchtwagenspecial musste ich dann ein Bild finden, das ich nie gemacht hatte und auch der Fotograf nicht, der mich begleitet hatte. Das Bild zeigte ein stark angerostetes Teil – und wenn man genau hinsah, war es nicht das getestete Modell, sondern der Vorgänger. Hier hatte man ein 10 Jahre altes Modell gefunden, dass wirklich krass rostig war und das ganze zynischer Weise mit einem Text versehen, der so etwas sagte wie: „so viel Rost würde man auch bei einem 10 Jahre alten Modell nicht erwarten“ – das mag juristisch nicht anfechtbar gewesen sein, denn da stand ja nicht „das ist eine Aufnahme des 3 Jahre alten Modells“ – aber jeder Leser musste das genau so verstehen (!) – da hab ich heute noch Schaum vor dem Mund; das war alles andere als korrekt – irgendwie wollte es aber auch niemand gewesen sein, musste irgendwie fälschlicher Weise… der Junge Typ, der immer das Layout… Keine Ahnung, woher das Foto… Von mir nicht, nein…

Hier muss ich sagen: Das wäre heute nicht mehr möglich. Da bräche ein Shitstorm los, weil irgend ein Freak das falsche Teil erkennen würde…

Woher kam die Front gegen Opel?

Und leider leider – ich könnte ganz viele solcher Geschichten erzählen. Warum passierte das eigentlich?

Da gab es Ende der 80er Jahre sicherlich mehrere Gründe, die relevant waren – die wichtigsten Gründe waren

  1. Der Kampf der Premium-Marken
  2. Die Punke-Systeme der Vergleichstests
  3. Der Bedarf nach schlechten Autos
  4. Auflage
  5. Journalisten-Einkommen

Zu 1: Der Kampf der Premium-Marken

Für bürgerliche Marken war hier irgendwann kein Platz mehr. Lexus erkaufte sich später die Ränge mit gigantischem Anzeigeninvestment

Für bürgerliche Marken war hier irgendwann kein Platz mehr. Lexus erkaufte sich später die Ränge mit gigantischem Anzeigeninvestment

Die 80er Jahre waren vom Aufstieg BMWs in die Premium-Liga geprägt und vom Aufstieg Audis in die Selbige. Letzterer mit weit höherem Tempo. Und nun muss man folgendes Wissen: Wenn eine Autozeitung 4 Mark kostet, dann sind die Herstellungskosten etwa 12 Mark – die 8 Mark Delta werden durch Werbe-Einnahmen finanziert – zumindest war das vor dem Internet so. Wer ist also Dein wichtigster Kunde im echten Leben? Da muss man wirklich nicht lange nachdenken. In den 80er Jahren wurde die Werbung der 3 Premium-Marken immer krasser. Lange Anzeigenstrecken, top Hochglanz, 4C Beileger und Einhefter – all das, was wirklich Geld bringt, finanzierten Audi, BMW und Mercedes – und in Grenzen Porsche und Volvo. Opel und Ford nicht so recht, VW nur hin und wieder. (Hierzu Lese-Tipp: Standing on the shoulders of Giants)

Diese Typen musstest Du bei Laune halten – und sie mussten die Zeitungen bei Laune halten. Wenn man heute mal zurückblickt, schafften es die Autozeitungen in kaum 6 bis 8 Jahren, der Deutschen Kundschaft einzureden, dass Du entweder eine Premium-Marke fährst, oder Du bist nichts wert. Bizarr – und ich muss gestehen: Ich war dabei…

Zu 2: Die Punkte-Systeme der Vergleichstetst

Deutsche sind irre zahlengläubig. Und jetzt sag nicht „Ich doch nicht…“. Ehrlich: In anderen Ländern ist das anders. Ein Deutscher, der gerade einen Opel kaufen möchte und dann feststellt, dass der im Test 396 Punkte hat, der BMW aber 414, der kommt sofort in Grübeln. Jedoch: In den 70ern, als die Punktesysteme der Maßstab geworden waren, Messbarkeit und pseudowissenschaftliche Genauigkeit die Existenz der teuren Autozeitschriften rechtfertigen mussten, da lagen die Autos weit auseinander. Da schlug der Passat den späten Taunus mit 410 gegen 340 Punkten – Hammer. Dann aber verstanden die Autohersteller das Spiel leider und optimierten ihre Autos immer mehr auf Tests hin (brillant dargelegt in diesem Post). Das führte dazu, dass die Testergebnisse immer dichter beieinander lagen.

Das machte die Tests immer schwieriger – wenn 4 Wagen getestet werden und am Ende steht da 505, 502, 498 und 497 Punkte, dann kann das den Anschein erwecken, dass 5 Mark keine gute Investition ist für eine Autozeitung. Damit geht Punkt 3 Hand in Hand.

Zu 3: Der Bedarf nach schlechten Autos

Opel Omega A

Auf Schnee ist der Opel Omega A bis heute einer der richtig guten Hecktriebler – gerade im Bereich Fahrwerk konnte der Omega A mit der gesamten Klasse mithalten – mit Ausnahme des BMW E34; der war wirklich besser

Du brauchtest schlechte Autos, um das Spiel als Redaktion spielen zu können. Dafür hielten lange die Japaner her – aber wie gesagt: Mitte der 80er jahre, in den frühen 90ern, waren alle in einer Liga angekommen – die Unterschiede waren mickrig geworden, die musstest Du mit der Lupe suchen. also brauchtest Du neue Argumente. Ein Wichtiges wurde die „Haptik“ – ein Wort, das bis dahin im Deutschen Sprachgebrauch überhaupt nicht vorkam – und ich denke, die ams hat es eingebracht. Haptik ist das, was Du bewusst ertastest, also wenn Du beispielsweise mit der Hand intensiv über das Armaturenbrett streichst (was man ja im Grunde andauernd tut, klar…). Hier versuchten die Premium-Marken alle, sich abzusetzen – und schafften das auch einen ganzen Moment und rechtfertigten durch die bessere Haptik sogar absurdere Preise – hier im Speziellen Audi, die preislich von Opel-Niveau knapp auf BMW Level hoch fuhren – in kaum 10 Jahren.

So wurde eine Zwei-Klassen-Gesellschaft manifestiert – und in der waren die Premium-Autos besser und das wurde dann plötzlich mit Punkten belegt – Subjektivität wurde hier also „objektiviert“ und zählbar gemacht – und da war der Omega dann plötzlich schlechter als der W124. Ich will hier nichts glorifizieren – der Omega und der Scorpio waren ein wenig schlechter als die Wagen von BMW, Mercedes und Audi – aber eben nicht so viel schlechter, wie man nachher schreiben musste. Vor allem im Bereich der Fahrwerke muss man sagen, dass Opel und Ford dem W124 sogar oft überlegen waren.Der W124 durfte dann oft einfach mit breiteren Reifen oder Sportfahrwerk antreten, was jeglichen Vergleich im Grunde unmöglich machte, aber gelebte Praxis war.

Zu 4: Auflage

auflage!Neben den Werbe-Einnahmen waren die Auflagen stets der wichtigste zweite Hebel – und Opel-Skandale brachten Auflage, und wie! Wenn Du auf der Titelseite die Worte Omega und Rost geschickt kombiniertest, konntest Du 3 bis 4 Erfolgsausgaben schaffen. In der Ersten decktest Du auf, in der Zweiten konntest Du dann nachtesten, in der Dritten konntest Du irgend einen Spezialisten zu Wort kommen lassen – in der Vierten Nofalls noch jemanden von Opel – aber den wollte eigentlich keiner hören, weil die Meinung bereits gebildet war. Skandale wie die miserable Verarbeitung und Rostvorsorge des Mercedes W210 hat man nur selten gesehen, oder? Dagegen waren die Wasserbasis-Lacke von Opel eine lächerliche Kleinigkeit.

 

Zu 5: Journalisten-Einkommen

In den späten 70er und frühen 80er Jahren waren Journalisten Einkommen teilweise bizarr gestiegen. Die Redakteure des Spiegel, die eine Ressort-Verantwortung hatten, erzielten Vorstands-Gehälter, Journalisten galten etwas. Hinzu kam: Die Berufsjahre waren die Bemessungsgrundlage – ein alter Journalist wurde dadurch praktisch unbezahlbar gegen Ende der 80er. Und hier boten sich plötzlich Lösungen an. Da rede ich nicht mal von Bargeld, aber während ein Ascona C noch im Rheingau präsentiert wurde, wurden Autos plötzlich immer öfter in Südspanien präsentiert, weil da das Licht für die Fotos einfach besser war und die Garantie für gutes Wetter gegeben.

Und aufgrund des schlimmen Trennungsschmerzes kann die Frau Gattin natürlich mit – und warum sollten die Kinder keinen Ausflug nach Barcelona machen dürfen….?

Hier muss ich ausnahmsweise sogar mal die Redaktion der Autobild loben – die war weit weniger empfänglich für diesen Mist und hat die Autos auch gerne in Hamburg fotografiert. Opel kaputt geschrieben haben sie trotzdem. Schlimme Zeiten, von denen sich die Marke nur schwer erholt hat.



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