Opel Calibra – mit schlechtem Bauchgefühl

calibra_auspuffDer Opel Calibra… Ich muss gestehen: So recht mochte ich ihn schon bei seinem Erscheinen nicht – obwohl er konzeptionell ein überzeugendes Auto war, ohne Frage.

Als ich ihn mir damals kaufte, tat ich es aus den völlig falschen Gründen – und natürlich ging das dann schief – und peinlich war es mir am Ende dann auch.

Ich hatte mich von meiner ersten Familie getrennt – hektisch und zunächst unschön – und dann floss zu allem Überfluss das ganze schöne Geld auch noch zur Ex-Familie – und ich zog für eine kurze Phase meines Lebens wieder bei meinen Eltern ein. Im gleichen Zug verlor ich meinen Job und musste entsprechend meinen Dienstwagen abgeben. Schwierige Zeiten.calibra_schwarz

Als ich dann meinen ersten Freelancer Job in der Beratung bekam, musste ein Auto her. Und was macht ein junger Kerl, der sich plötzlich nicht mehr um Windeln kümmern muss? Er kauft sich ein stark gebrauchtes Sportcoupé…. Hätte ich mir wenigstens einen ehrlichen Manta gekauft – zu der Zeit in Teilen schon ein Youngtimer und in  breiten Bevölkerungsschichten immer noch als Proll-Karre verschrien – vieles wäre besser gewesen. Aber ich kaufte mir einen Calibra. C20XE, 150PS, ein frühes Modell mit kaum 90.000 Kilometern auf der Uhr und keine wirklichen Peinlichkeiten mit Ausnahme einer doppelflutigen Sportauspuffanlage, die auch nicht mal soooo laut war – aber eben nach jungem Kerl aussah, der sich nicht um Windeln kümmern muss…

Und natürlich hatte ich viel Zeit und nichts von meinen Fähigkeiten über die Jahre verlernt und wusste, was man tun musste – und schon sehr sehr bald hatte der Calibra 181PS – gemessen auf einem Prüfstand, ganz wie früher 😉

Der Calibra war nicht grundlegend häßlich oder so - aber ich hätte mir besser einen ehrlichen Manta gekauft - oder noch besser: Ich hätte den Quatsch lassen sollen - aber dafür konnte der Calibra ja nix

Der Calibra war nicht grundlegend häßlich oder so – aber ich hätte mir besser einen ehrlichen Manta gekauft – oder noch besser: Ich hätte den Quatsch lassen sollen – aber dafür konnte der Calibra ja nix

Zu dem Zeitpunkt konnte ja niemand ahnen, dass ich nur Tage später meine heutige Frau treffen sollte. und das passierte in einem ganz unberechenbaren Zusammenhang. Ich traf meine heutige Frau am Rande eines lange vereinbarten Meetings mit meinem potentiellen neuen Chef. Wir trafen uns in einer Lounge in Frankfurt und es war schon stattlich spät für ein solches Treffen. Wir tauschten uns ausgiebig über einen potentiellen Job aus, über Möglichkeiten, die es da geben könnte,. Aufstiegschancen – und dann platzte eine etwas durchnässte Frau in die Lounge, die ich schon in klatschnass und genervt irgendwie anziehend fand. Es hätte ein zufälliger Blick bleiben sollen, aber offensichtlich haftete mein Blick so lange auf der Frau, dass mein potentieller Chef sich umwandte – um dann festzustellen, dass es sich bei der durchnässten Frau um eine ehemalige Mitarbeiterin von ihm handelte, die er sofort an unseren Tisch bat. Sie hatte einen Unfall gehabt, unverschuldet – ihr Wagen war gerade abgeschleppt worden und sollte wohl ein Totalschaden sein.

Alle Formalitäten hatte sie im strömenden Regen durchführen müssen und sie war nur in die Lounge gekommen, um sich kurz aufzuwärmen und ein Taxi zu rufen, was sie längst getan hätte, wenn Sie uns nicht über den Weg gelaufen wäre. Wir kamen ins Gespräch – mein potentieller Chef verschwand, um ihr ein Handtuch zu besorgen und kam nach erstaunlich langer Zeit auch mit einem Handtuch zurück. Endlich stellte er mich etwas ausgiebiger vor – und das vor allem mit den Worten „…der wohl demnächst in meinem Team arbeiten wird…,“ was mir da noch gar nicht so sicher erschien, mich in dem Moment aber wesentlich sicherer wirken ließ.

Und dann entwickelte sich das Gespräch leicht seltsam. Mein nun wahrscheinlicher neuer Chef schlägt sich plötzlich gegen die Stirn und sagt „Hey – Du musst gar kein Taxi rufen – der junge Mann hier wohnt ganz bei Dir in der Nähe – da kann er Dich doch mitnehmen! Bis da oben mit dem Taxi – da bist Du ja arm!“ Hm… ein bizarres Vorstellungsgespräch, oder? Mit der nun gewonnen Zeit bestellt er eine Runde für uns und die nasse Frau kommt ins Reden mit ihrem neuen „Chauffeur“ und erzählt von dem Unfall und davon, wie sehr sie diese Typen hasst, die mit diesen getuneten 3er BMWs und diesen Calibras und diesem ganzen 16V-Mist durch die Gegen fahren – einfach nur peinlich sei das! Dass erwachsene Typen so etwas nötig hätten – sich laute Auspuffrohre an die Karre zu schrauben und dann nachts alle Leute aufzuwecken! Und genau so einer hatte ihr gerade die Vorfahrt genommen, was für diese Calibra Fahrer sehr typisch sei – total rücksichtslos – kein Wunder, wenn sich ein erwachsener Mann….

geht doch, oder? mit ein bisserl Tuning war er immer irgendwie schön

geht doch, oder? mit ein bisserl Tuning war er immer irgendwie schön

Und da fragst Du dich „Wo bekomme ich jetzt wohl spontan noch einen unauffälligen Mietwagen her?“ Ich war einfach kein echter Calibra Fahrer – ich hätte mir auch irgend etwas vollkommen unauffälliges kaufen können. Der Calibra hatte sich so ergeben…. Ach, was soll’s – da kommt man nicht mehr raus. Anderthalb Stunden später gehen wir in eine schmuddelige Tiefgarage – ich leicht beschwingt auf der einen Seite, weil jetzt klar ist, dass ich ein Angebot für einen neuen Job bekommen werde – leicht verzweifelt auf der anderen Seite, weil ich eigentlich meinen Rennauspuff-Calibra irgendwie wegwünschen möchte und auf der anderen Seite nach einem verzweifelten Plan ringe, diese Frau noch einmal wieder zu sehen…

Und dann stehen wir vor meinem Wagen – die Funkfernbedienung (nachgerüstet vom Vorbesitzer) outet mich aus ein paar Metern Entfernung – ich will ihr Zeit geben, sich an den Gedanken zu gewöhnen – zumindest ein paar Meter weit… Und dann passiert etwas eigenartiges. Während mir mein Calibra peinlich ist und ihr klar wird, was ich für einen Wagen fahre, wird ihr mit jedem Meter peinlicher, dass sie vorher so ausgiebig über Calibra Fahrer hergezogen hat. Und plötzlich stehen wir am Heck des Wagens, an dem sich Manfred Gotta in seiner ureigenen Weise verwirklicht hat und fangen beide an zu lachen. Wir müssen so lange lachen, dass sich einerseits der Wagen irgendwann wieder verschließt – was nicht so schlimm wäre, andererseits aber so lange, dass wir mit dem Ticket am Ende nicht aus dem Parkhaus kommen und die Ausfahrt noch mehrere Minuten blockieren werden….

Zu Zeiten des Calibra gab es zwar sicherlich einen gesellschaftlichen Umbruch, der die Käufe einbrechen ließ - aber das wahre Problem des Calibra kam von Innen - der Kadett GSI war einfach der bessere Calibra - auch und vor allem am Stammtisch

Zu Zeiten des Calibra gab es zwar sicherlich einen gesellschaftlichen Umbruch, der die Käufe einbrechen ließ – aber das wahre Problem des Calibra kam von Innen – der Kadett GSI war einfach der bessere Calibra – auch und vor allem am Stammtisch

Scheinbar verbindet das. 🙂

Heute mag ich den Calibra irgendwie. Nicht nur wegen dieses Vorfalls unseres ersten Abends. Mit ein paar Abstrichen war er ein gutes Auto – und weit erfolgreicher als manch ein anderes Coupé seiner Zeit, dem die Presse viel mehr Aufmerksamkeit schenkte, wie etwa der Corrado – eines der vielleicht uninspiriertesten Autos, das VW je hergestellt hat – und das soll ja was heißen. Dennoch stand der Calibra quasi schon bei seiner Geburt mit einem Bein im Grab – das konnte nicht gutgehen. Einerseits begann dieses Segment als solches wegzusterben – es gab keine richtigen Coupé-Kunden mehr – die Leute wollten lieber Fahrräder durch die Gegend schleppen können mit dem Auto und ähnliches. Der Capri starb in den 80ern, dann folgten die anderen – Opel hielt sich da noch verhältnismäßig tapfer.

Daneben aber bot Opel die Konkurrenz im eigenen Haus: Der Kadett E GSI war im Grunde in vielen Belangen stets der bessere Calibra – er beschleunigte schneller, es gab mehr Tuning-Angebote….

Aber für mich wird er immer mit diesem Abend verbunden sein 🙂


4 Gedanken zu „Opel Calibra – mit schlechtem Bauchgefühl

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