Opel war für mich immer: Reelle Autos fahren

Gastpost von Günther Niedworski

ascona-b-reellOpel und ich haben nicht gleich zueinander gefunden. Ich durfte schon sehr früh Dienstwagen fahren – mit 20 Jahren – damals, 1978, etwas durchaus Ungewöhnliches. Ich war so eine Art Vertreter, wie man das damals nannte – englische Jobtitel hatten noch keinen Einzug in die Arbeitswelt der BRD gehalten. Heute würde man das vielleicht auch eher „Key Account Manager“ nennen oder „Business Development“.

In jedem Falle bescherte es mir mit gerade mal 20 Jahren die Auswahl der Deutschen Mittelklasse – ich konnte Passat, Audi 80. Ford Taunus und Ähnliche fahren und entschied mich für den VW Jetta. Der war relativ neu auf dem Markt und erschien mir mit seinen Rallye-Streifen vom Golf GTI irgendwie dynamischer als der Rest, obwohl meiner natürlich nur 70PS hatte und keine GLI-Maschine.

Ich fand den Wagen so lange cool, bis ich mit einem Kollegen in seinem Ascona B mitfuhr. Der wirkte um so vieles gediegener als mein Jetta. Der hatte Chrom, der hatte schöne Stoffe und viel besseren Kunststoff im Innenraum. Alles war irgendwie großzügiger und der 1,9n ging gut zur Sache. ZU allem Überfluss war der Wagen günstiger als mein Jetta, wie sich herausstellte und wirkte dabei so signifikant stattlicher 🙁

Im Verhältnis zum Ascona B stellte sich heraus: Der Jetta war ein Fehlkauf

Im Verhältnis zum Ascona B stellte sich heraus: Der Jetta war ein Fehlkauf

Tatsächlich war die Übung, einen VW zu bestellen, damals so, als orderte man eine Schale Pommes und muss dann für Salz extra zahlen. Ein Jetta S hatte absolut gar nichts an Bord. Der hatte Hartplastik, dem fehlte der rechte Außenspiegel, der hatte nicht einmal ein geschlossenes Handschuhfach. Effektiv war der so etwas wie der größte Kleinwagen, den sie in Wolfsburg bauten – und das merkte man, wenn man in einen Ascona wechselte. Der bot einen reellen Gegenwert, der war gediegen, angenehm, wirkte stattlicher.

Als mein nächster Dienstwagen fällig wurde, wurde ich deshalb beim Opel-Händler vorstellig – der zeigte mir den Ascona C, den gerade frisch erschienenen Nachfiolger des Ascona B. Und puuuhh… Wie gesagt: Opel und ich haben nicht gleich zueinander gefunden… Den Ascona C mochte ich so gar nicht. Der schien mir tatsächlich gewaltsam einen VW imitieren zu wollen. Hinzu kam der schlecht ausbalancierte Frontantrieb der frühen Serie. Den Ascona C mochte ich gar nicht. Ich erwarb einen Audi 80 als nächsten Dienstwagen. Ich fuhr damals um die 60.000 Kilometer im Jahr, war in ganz Deutschland – sogar im sozialistischen Dunkeldeutschland unterwegs – da machst Du keine Kompromisse beim Auto. Das seltene Modell mit 85PS und Doppelvergaser ging irre gut, war stattlicher als der Jetta und besser auf Langstrecken, was bei meiner Fahrleistung wichtig war.

Der Ascona C - speziell in der Ausstattung "Luxus" wollte einfach nicht mein Freund werden

Der Ascona C – speziell in der Ausstattung „Luxus“ wollte einfach nicht mein Freund werden

Und doch sollte mich kurz darauf ein Kollege belehren, wie ein reelles Auto aussah: Er holte mich mit seinem Opel Rekord ab und wir fuhren zu einer Tagung nach Hannover – rund 400 Kilometer Strecke. Der Opel Rekord konnte auf der Autobahn einfach alles besser als mein Audi – Kunststück: Das war so ein richtiges Auto der gehobenen Mittelklasse. Der hatte sogar diesen coolen Hebel am Lenkrad, den sonst nur Mercedes baute. Lässig. Und diese fetten Sitze… Und das schlimmste: er war einen knappen Tausender billiger als mein Audi gewesen, dessen coolste Ausstattung ein Stereo-Radio war, während der Rekord sogar Servolenkung (!) hatte.

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Der Opel Omega A stellte sich als irre gutes Auto heraus – tiop Langstreckenkomfort

3 Jahre später war mein nächster Wagen fällig und ich schaute erneut zu Opel. Ich hatte eine kleine Leitungsfunktion übernommen und fand so einen Opel Rekord ziemlich angemessen. Gemessen am vergleichbaren Audi 100 wirkte der Wagen nun aber veraltet. Audi hatte den mega windschlüpfrigen Audi 100 auf den Markt gebracht. Der erreichte durch seinen aerodynamischen Feinschliff viel bessere Endgeschwindigkeiten – wichtig, wenn Du viel auf der Autobahn unterwegs bist… Der Audi gewann mich schließlich. Jedoch hatte ich nicht nur ein schlimmes Montagsauto erwischt, dessen Nockenwelle mehrfach getauscht werden musste, dessen Servolenkung ständig defekt war – keine Freude.

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der Omega B hatte keinen guten Ruf – was nicht ganz berechtigt war. Er war das klassische reelle Auto, das heute ausgestorben ist

Als mein nächster Wagen fällig war, hatte Opel einen würdigen modernen Wagen im Programm: Der Omega A war genau das reelle Auto, das mir vorgeschwebt hatte – und dennoch modern und auf der Höhe der Zeit. 1988 wurde der erste Opel meins – mit dem stattlichen 2.4er mit 125PS. Ein Traumwagen seiner Zeit und signifikant billiger als der Audi 100. der nächste wurde wieder ein Omega – diesmal ein Kombi – und mein erster Opel mit 6 Zylindern. Die Wende hatte Europa verändert, der größere Wagen war angemessen.

Von da an sollte mich Opel erst einmal nicht mehr verlassen. 1994 folgte der Omega B als Kombi – die Glanzdisziplin von Opel zu der Zeit. Interessanter Weise hatten meine Kollegen zwischenzeitlich vollständig ins Lager Audi/BMW/Mercedes gewechselt und Opel fiel im Ansehen zurück. Aber ich mochte die Wagen – sie boten den besseren Gegenwert, die bessere Ausstattung, mehr Platz. Erst 1997 wurde ich stutzig, als ich den Mercedes W210 als Kombi sah. Der steckte einfach alles weg und war nochmals größer als der Omega. diesmal war es knapp – jedoch sollte ich umso mehr belohnt werden für meine Entscheidung, die tatsächlich mehr vom Bauch geprägt war. Aber alle meine Kollegen, die sich auf den neuen Mercedes W210 stürzten, erlitten Schiffbruch – der Wagen war ein qualitatives Desaster – die Art Desaster, die man dem Omega A nachsagte, mit dem ich in 3 Jahren stets um 200.000 Kilometer abgespult hatte – ohne nennenswerte Mängel.

Im Jahr 2000, mittlerweile 40 geworden, wechselte ich in die Europa-Zentrale unseres bis dahin größten Mitbewerbers. Womit also liebäugelte ich? Natürlich: Mit dem MV6 – bis ich erfahren musste, dass Opel hier nicht auf der Menü-Karte standen. Es gingen Audi, BMW, Mercedes und VW. Und mal im Ernst: Wenn Du diverse Opel bestellt hattest, dann zog dir alles, was die Firmen im Angebot hatten, die Schuhe aus! Ich rede nicht davon, billig einzukaufen – ein Omega war in den Jahren auch alles andere als geschenkt. Aber so ein paar Basics müssen doch zu vernünftigen Preise zu haben sein – oder Standard. Nein – da sagt der BMW Händler dann „Klimaanlage ja – aber Klimaautomatik kostet Aufpreis“ Bei einem 5er?? Reell war genau das nicht! Am Ende musste ich mich entscheiden: Entweder einen 5er, E-Klasse, A6, über den ich mich ärgerte, weil er zu teuer war – oder einen 3er, eine winzige C-Klasse oder eine zu kleinen A4 – die kosteten dann soviel wie ein Omega, waren aber so groß wie ein Astra. Einziger Ausweg: Der Passat. Der kostete auch soviel wie ein Omega, war aber immerhin ausreichend in seinen  Abmessungen.

Mit dicken Schuhen macht er was her

Kein Auto hielt länger durch in unserem Fuhrpark: Der Opel Signum war eine diskrete Alternative – vor allem mit dem radikalen 250PS Motor, den ihm niemand zutraute. Die Langtrecken-Qualitäten waren top – hier taten ihm die Autozeitungen stets unrecht im allgemeinen Opel-Taumel. Das wird mal ein gesuchter Klassiker werden

Ich erwischte die Diesel Generation, bei der ständig die Luftmengenmesser im Eimer waren und verachtete den Passat zutiefst. Irre: Als meine alte Firma mir ein Angebot machte, als Geschäftsführer zurückzukehren, zögerte ich schon deshalb nicht. Mein nächster Wagen war ein Signum – der 177PS Diesel. War das ein reelles Auto oder was? Wer sich auf das Konzept des Wagens einließ, erhielt hier eines der besten Autos seiner Zeit. Drei Jahre später gönnte ich mir sogar noch den 2.8V6 Turbo.insignia_2015

Von allen Autos, die ich hatte, muss ich sagen: Dem trauere ich am meisten hinterher. Der war so diskret und sah so gar nicht nach 250PS aus! Opel war zu dieser zeit gerade moralisch völlig am Ende. Ich war der einzige der drei Geschäftsführer, der einen Opel fuhr. Nicht einmal die Bereichsleiter fuhren Opel. Einer der Abteilungsleiter hatte einen Vectra Caravan – „Wegen der Kinder und dem Hund…“ Nein – ich hatte einen reellen Wagen – mit allem drum und dran – hellem Leder, schwarzem Lack, dicken Schuhen – und eben 250 PS -zu einem Preis, den ich vor mir rechtfertigen konnte.

Erst 2009 kam ich mit Opel in die Problemzone. Nachdem der Omega gefallen war, fiel auch der Signum. Und den hatte ich wie gesagt geliebt. Tatsächlich nahm meine Frau den Wagen, nachdem er als mein Dienstwagen rum war und er blieb noch weitere 5 Jahre in unserem Besitz – bis 2014. Und ich stand 2009 bei meinem Opel-Händler, der mir sagte, dass der Insignia jetzt das Fahrzeug der Wahl sei.

Der Insignia war – vor allem gemessen am Signum – eng. Ich fand ihn hässlich. Der Kombi hatte keinen Platz im Heck – eine absolute Beleidigung. Der kleinere Kofferraum des Signum war durch seine Form nutzbarer gewesen. Unser Hund weigerte sich gegen den Insignia bei der Probefahrt – er konnte im Kofferraum nicht aufrecht sitzen. Das war dann plötzlich für mich kein reelles Auto mehr, kein Wagen, den ich fahren wollte.

Hoffnungsträger Insignia B

Hoffnungsträger Insignia B

Zu meinem 50. Geburtstag parkte neben dem Signum meiner Frau ein A6 Avant – ganz ganz schweren Herzens. Ich kam mir vor wie ein Verräter nach all den Jahren und natürlich musste ich mir nun anhören, dass all die mahnenden Recht gehabt hatten Bla bla bla…. 2012 folgte der nächste Audi A6 – ganz fair betrachtet übrigens ein tolles Auto – mit zu viel Hightech und völlig realitätsfernen Preisen. 2014 vernichtete ein Unfall den A6 und ein 5er musste es tun, der gerade als Vorführwagen verfügbar war. Preis-Leistungs-Verhältnis unsäglich. 2017 läuft der aus.

Also Opel: Schafft ihr den neuen Insignia bis dahin?



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