Suche nach Schuldigen: war’s der Kadett E oder doch eher dieser Spanier?

Alle hassen sie ihn, den Kadett E.

Opel hat ihn phasenweise reichlich gehasst. Die Kunden in Deutschland haben in phasenweise reichlich gehasst. Und die Auto Bild – die hat den Kadett E wirklich gehasst.

Aus heutiger Sicht ist schwer zu sagen, ob die nun den Omega weniger mochten oder den Kadett E – ist aber im Grunde auch egal am Ende – denn eins ist zumindest mal klar: Beim Absturz von Opel hat die Auto Bild ganz ganz kräftig mitgewirkt.

Kadett E

Der Kadett E galt bei uns Mechanikern als ganz übel – das Cabrio hingegen war oft weit besser

Schauen wir mal auf die Zahlen: Der Kadett E, ob man ihn nun mochte oder nicht, ist der erfolgreichste Wagen, den Opel in dieser Klasse produziert hat. Jetzt kann man natürlich kommen mit „Millionen Fliegen können nicht irren….“ – schon klar. Und wer bin ich da schon, dass ich es besser wüsste?

Hm… Der Kadett E war mein Lehr-Auto. Als ich meine Lehre bei Opel begann, 1991, da war der Kadett E das Brot und Butter Auto. Ich wollte eigentlich mehr über die heckgetriebenen Opel wissen – aber mein Chef riet mir zum Kadett E. Und dann zwinkerte er mir zu und sagte: „Spezialisier Dich ruhig auf den, an dem gibt es immer was zu schrauben…,“ gefolgt von einem fetten Lachen.

Tja, wie sag ich’s… Er hatte recht.

Opel Omega A

Damals rotes Tuch der Auto Bild, ob nun zurecht oder nicht. Heute gilt der Omega A als cool – in Südamerika ist der Wagen eine Legende

Was ich erst mal von meinem Meister lernte, war die Tatsache, die mich damals schockierte: Im Kadett E steckte eigentlich noch wahnsinnig viel olles Zeug. Olle Motoren vor allem, die zum Teil auch erstaunliche Schlucker waren. Und ich hatte mich doch sehr von der recht modernen Verpackung täuschen lassen.

Tatsächlich aber war ich in der zeit froh, dass ich nicht am Counter arbeitete – die klassische Direktannahme gab es damals noch nicht so recht. Aber als Faustregel galt da: Wenn einer den Kadett E zur Inspektion vorbei brachte, dann war eigentlich meistens auch was größeres dran. Die Verkäufer hassten ihn besonders, weil die den Kunden das Ding verkauft hatten und die Prügel dafür ständig kassierten. In den ersten Jahren ging da viel auf Garantie – aber natürlich nicht mehr, als die dann schon 6 oder 7 Jahre alt waren. Und in der Phase waren sie tatsächlich am schlimmsten. Die Jahrgänge ab 87 waren etwas besser, dennoch waren sie weit davon entfernt, was die Leute von einem Opel (zurecht) erwarteten. Wir dürfen ja mal nicht vergessen, dass das zu der Zeit noch eine total angesehene Marke war (!) – nicht so wie heute, wo sich viele Leute für ihren Opel entschuldigen.

Ignacio Lopez

Als er auf der Motorhaube angekommen war, wurde bei Opel manch einer deutlich entspannter – zurecht. Aber da waren Kadett E und Omega A schon in die Negativzonen des Marktes gefahren und nicht mehr zu retten. Unfassbar, was ein Ego in einer solchen Industrie durchsetzen kann

Sooo schlecht, wie die Autobild tat, war der Opel Kadett E aber lange nicht, schon gar nicht in den späten Jahrgängen. Die GSIs waren eigentlich immer besser und die Cabrios auch – vielleicht auch, weil die ein wenig mehr geliebt wurden. Gegen Rost jedoch half Liebe da auch nix. Rosten tut der Kadett E, dass es einen graust. Der hintere Radlauf war bei Modellen angefressen, die ansonsten oft noch so gut wie neu wirkten. Aber auch hier muss man sagen: Schaut euch den Golf 3 an, der war weit schlimmer…

Dass die Opel dieser Generation das Markenimage runter gerissen haben, liegt somit aus meiner Erfahrung heraus tatsächlich nicht nur an der Autobild… Der schlimmste, den ich persönlich je gesehen hab, war ein 89er, der in unserem Betrieb als 4jähriger mit um die 60tkm in Zahlung gegeben werden sollte und einem Vectra weichen sollte. Das sollte unkritisch sein – der Wagen wurde allerdings zum Tagesgespräch, denn er war von unten schier zerfressen und die Federn waren rundherum gebrochen. Es blieb unklar, wie der Wagen es bis zu uns geschafft hatte, wenn man so zurückblickt. Der Wagen war ausgehölt, als hätte er mehrere Tiefsee-Jahre hinter sich.

Und dann hattest Du auf der anderen Seite Exemplare, die waren knapp 10 Jahre alt und wirkten dem Alter total angemessen. Diese breite Streuung hattest Du bei keinem anderen Auto unserer Marke – das bestätigten auch die älteren Mechaniker immer wieder.

Als ich von meinem Opel Autohaus weg ging, ging auch der Kadett und der Astra kam immer mehr. Zu dem Zeitpunkt galten die Cabrios als top, der Rest als Mist – und leider waren das auch die ersten beiden Astra-Jahrgänge. Da gingen dann die Verkäufer, die einfach keine Lust mehr auf den Mist hatten und sich nicht mehr anmachen lassen wollten von ihren Stammkunden. Und mit ihnen gingen die Kunden, was wirklich bitter war – nicht mal so die Kadett-Kunden – die Omega Kunden waren teilweise noch viel wütender, vor allem die Handwerker mit 2 oder 3 großen Kombis, die ständig in der Werkstatt standen und immer teuer repariert wurden.

Der Kadett E Kombi ging oft durch ie Hölle. Die Gebrauchtprese waren niedrig - der Kadett entwickelte sich schnell zum Wegwerfautos, das nur dann einen Wert hatte, wenn der Tüv frisch oder eben der Laderaum groß war

Der Kadett E Kombi ging oft durch die Hölle. Die Gebrauchtpreise waren niedrig – der Kadett entwickelte sich schnell zum Wegwerfautos, das nur dann einen Wert hatte, wenn der Tüv frisch oder eben der Laderaum groß war

Meine Lehre lag somit sozusagen im Auge des Sturms. Während meines Studiums hab ich immer in den Ferien wieder bei meinem alten Autohaus gearbeitet, die mich schon seit Kindergartenzeiten kannten. Und da konnte ich ganz klar sehen, dass die Qualität wieder massiv anzog. Der Vectra B war ein gutes Auto, der Omega B (nicht in allen Jahrgängen) war ebenfalls gut, der Corsa B war sogar richtig gut.

Aber zu der Zeit redete dann schon keiner mehr darüber und plötzlich begannen die Leute tatsächlich, sich für ihren Opel zu entschuldigen. Die Art von „Den hab ich mir gekauft, weil der Händler um die Ecke ist….“

Als ich später für Opel im Marketing arbeitete, war das längst noch schlimmer geworden. Opel verschwand aus den Fuhrparks – und da sagten die großen Fuhrparkmanager immer „Der Kadett und der Omega waren der letzte Mist“ und holten sich große Flotten von Ford. Am Taxistand war Opel nie heldenhaft gewesen – dort wurden sie ausgerottet – was für ein vollkommenes Desaster!

Am Taxi-Stand hatte Opel es immer schwer - aber die Artikel rund um den Kadett E und den Omagea A machten die Marke für diesen Berufsstand unkaufbar

Am Taxi-Stand hatte Opel es immer schwer – aber die Artikel rund um den Kadett E und den Omagea A machten die Marke für diesen Berufsstand unkaufbar

Schuldige wurden gesucht – der böse Spanier sollte schuld gewesen sein: José Ignacio López de Arriortúa hatte bei Opel ab Mitte der 80er Jahre tatsächlich Sparmaßnahmen durchgesetzt, die unverantwortlich waren. Da wurde an Stellen gespart, die man kaum glauben konnte. Der Kadett E hatte etwa Türgelenke, von denen sich später intern rumsprach, dass sie nur Belastungen von 120.000 Kilometern aushielten, später sollten sie noch kürzer geworden sein. Die Fahrwerke wurden in der Haltbarkeit systematisch unterdimensioniert – Dichtungen so eingekauft, dass sie normalen Beanspruchungen im Durchschnitt schon noch irgendwie stand hielten – aber alles außerhalb der Norm tötete sie. Darunter litt der Kadett und der Omega, ebenso der Vectra – auch wenn da natürlich immer noch viel Angler-Latein eine Rolle spielte. Aber ein Schelm, wer nun denkt: kaum, dass er von Opel zu VW ging, fing der Golf 3 an zu rosten.

Ich bin kein Verschwörungstheoretiker… Aber bei Opel gab es glaubhafte Geschichten über Aufstände am Band nach den Betriebsferien 86, nach denen plötzlich ganz viele Teile auf rotzige Qualität umgerüstet wurden – Teil eines Projektes des bösen Spaniers

Zugeben muss man in jedem Falle, dass die Opel der 80er wirklich ihren relevanten Anteil daran hatten, die Marke in die Grütze zu fahren.  Dass sich die Marke so schwer erholt, ist weder fair noch gerechtfertigt. Schon lange ist den Mitarbeitern und Beratern der Szene klar, dass die Qualität von Opel auf der Höhe ist und sich nicht verstecken muss. Das zeigen auch weiche Kriterien wie die Dekra Untersuchungen und nicht zuletzt Zufriedenheitsbefragungen.

Aber die Geschichte, die Opel da hin geführt hat, hängt nicht einzig am Kadett E…



5 Gedanken zu „Suche nach Schuldigen: war’s der Kadett E oder doch eher dieser Spanier?

  1. Ich hatte das große Glück zu Zeiten des Kadett E noch sehr klein gewesen zu sein. Den Verfall der Marke Opel hab ich natürlich dennoch mitbekommen und mein erstes Auto war 2007 schließlich ein Opel Kadett E. Seit 2007 fuhr ich jetzt ausschließlich Kadett E, weit über 500.000km seither. Das auf 3 verschiedenen Kontinenten und in ca. 30 Ländern. Meine treuen Begleiter waren entweder Kadett E Stufenheck 1.6i oder Kadett Caravan 1.6i. In all der Zeit hatte ich sage und schreibe 2 Pannen, nichts nennenswertes, der Kadett kam stets auf eigener Achse weiter.

    Wenn ich dann immer solch furchtbare Berichte über die Kadetten höre und lese, weiss ich nicht immer so recht was ich davon halten soll. Klar, ich fahre ausschließlich facelift und 1.6i – aber von Problemen kann ich nicht berichten.

    Andererseits habe ich auch schon viele Ersatzteilspender gekauft, auf welche genau diese Berichte zutreffen und aus diesem grund sie heute filetiert in meiner Halle stehen.

    Liebe Grüße,
    ein treuer Kadettfahrer der damit wohl niemalsd aufhören wird.

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